Redebeitrag zur Ausstellungs-Eröffnung „Von Navajos und Edelweißpiraten“ in Weimar

Wenn mensch über den Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus spricht, fallen Namen wie Graf von Stauffenberg, Graf von Moltke sowie Hans und Sophie Scholl. Doch es gab auch Gruppen, die sich um politische und soziale Aktionsformen gegen das Regime bemühten, die in Vergessenheit gerieten, oder sogar kriminalisiert wurden, die nicht mit gleichem Erfolg agieren konnten und teilweise auch wollten, wie die bekannten Widerstandskämpfer. Es bestehen Unterschiede zwischen dem Zeitpunkt und den Gründen ihrer Aktivitäten, dennoch sind sie in der Ablehnung der damaligen Zustände verbunden,der sie notfalls auch mit gewaltsamen Mitteln Nachdruck verliehen.
Wenn ein 16-jähriger gehängt wird – schreiben wir das Jahr 1944.
Wenn ein Glas Milch in der „Margarethenhöhe“ zum Beweismittel werden kann – dann geht es um Navajos und „Edelweißpiraten“.
Bis vor einigen Monaten wusste ich mit diesen Gruppen, und den Ereignissen, die sie betreffen, kaum etwas anzufangen. Ich hatte zwar den Film von Niko von Glasow um die Ehrenfelder Gruppe gesehen, in dem mit der Diskreditierung der „Edelweißpiraten“ als Kleinkriminelle aufgeräumt wird. Doch seit dem Beginn der Vorbereitungen zu dieser Ausstellung habe ich Bücher gewälzt und im Internet recherchiert.
Mucki Koch, Barthel Schink, Hans Steinbrück und Fritz Theilen sind jetzt nicht mehr nur Namen, sondern Schicksale die eng mit dem Kampf für eine bessere Welt ohne das faschistische Machtgefüge, unter dem sie jeden Tag zu leiden hatten, verbunden sind.
Nicht jede Gruppe, die den Gedanken der bündischen Jugend folgte, beteiligte sich aktiv am Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime. Einige wollten nur reisen wie sie wollten, frei sein und tun was ihnen in den Sinn kam. Doch allein durch diesen Wunsch gerieten sie in den Kreis der Gruppen ,die durch unangepasstes Verhalten auffielen und so auch in das Spektrum der verdächtigen und überwachungswerten Personen fielen. Banden wie die Ehrenfelder Gruppe um Hans Steinbrück oder die Schar um Gertrud „Mucki“ Koch beteiligten sich jedoch aktiv im Widerstand. Sie führten militante Aktionen und kleinere Beutezüge, wie den Butterraub, durch, griffen HJ-Streifen an, verbreiteten Flugblätter und schrieben Parolen gegen das Regime an Hauswände.
Wie ein Verhalten, das sich in aktivem Kampf gegen Faschismus und Nazismus äußerte, nach 1945 kriminalisiert werden konnte, ist mir völlig unklar. Setzten die Befreier_innen all ihre Kraft in die Entnazifizierung des befreiten Deutschlands, kam es doch dazu, dass die Jugendbewegung der Edelweißpiraten und Navajos in Vergessenheit geriet. Es kam sogar in zahlreichen Fällen zu erneuten Verurteilungen und Haftstrafen von Seiten der Gerichte der amerikanischen Behörden.
Erst im Jahr 2005 wurden die Edelweißpiraten und ähnliche Gruppierungen von offizieller Seite rehabilitiert. Zuvor waren Sie nur als Opfer des Unrechtsregimes eingestuft, doch nicht als politisch verfolgt, geschweige denn als Widerstandskämpfer gewürdigt. Die Familie Bartholomäus Schinks beantragte schon 1952 dessen Anerkennung als politisch Verfolgten. Nachdem dies abgelehnt wurde, begann ein Rechtsstreit, der 1958 mit der Bestätigung der Ablehnung endete.
Besonders auffällig in der Behandlung der Edelweißpiraten ist auch die Rolle der Mädchen. Das galt vor allem für Mädchen, die sich nicht in die „Frau und Mutterrolle“ der Nationalsozialisten drängen lassen wollten und sich deshalb den wilden Jugendgruppen anschlossen. Durch die Mädchen wurde die Anziehungskraft der Cliquen erhöht, da in der HJ eine absolute Geschlechtertrennung herrschte. In solchen Jugendlichen, die sich Freiräume erhalten wollten, erblickte die Reichsjugendführung eine stete Gefahr für den „gesunden Volkskörper“.
Glücklicherweise gibt es auch heute Jugendliche, die sich des Wiedererstarkens faschistischer Strukturen bewusst sind und aktiv gegen diese vorgehen. Leider haben jedoch auch diese Gruppierungen oft mit Kriminalisierungsversuchen seitens Polizei und Gesellschaft zu kämpfen.
Ich halte es für unbedingt notwendig, dass es jugendliche gibt, die auch rechte Gewalt auf den Straßen, wie sie gerade hier in Weimar viel zu häufig vorkommt, nicht auf sich sitzen lassen und Gegenstrategien entwickeln.
Sicherlich mögen die unterschiedlichen Aktionsformen verschiedener Gruppierungen nicht immer mit denen übereinstimmen, die in der gesamten Gesellschaft als richtig und begrüßenswert erachtet werden. Konsequentes antifaschistisches Engagement muss nicht von jeder oder jedem immer auf vollste Zustimmung stoßen. Ich finde es aber wichtig, dass aktive Arbeit gegen Neonazis geachtet wird und nicht die, die sich wehren in eine Position gedrängt werden, in der sie die Täter_innen sind. In diesem Sinne begrüßen ich die Rehabilitation der Edelweißpiraten als politische Aktivisten des Widerstandes im 3. Reich.